GEORGE CONDO UND ADAM KIMMEL

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    “Ich habe fast alle meine Bilder unter Schmerzen gemalt.”
    George Condo, New York 2011
    Foto: Sophie Caby

     

    ADAM KIMMEL George, du musstest dich gerade einer Schulteroperation unterziehen. Wie lange hattest du denn schon Schmerzen? Und wie lange musst du jetzt mit dem Malen aussetzen?

    GEORGE CONDO Um ehrlich zu sein, ging das schon fünf, sechs Jahre lang so. Ich habe fast alle meine Bilder seither unter Schmerzen gemalt. Die Operation ist schon ein paar Monate her. Sie war glücklicherweise keine wirklich große Sache. Aber ich muss schon eine kleine Pause einlegen. Ich habe jetzt Zeit, über meine zukünftigen Arbeiten nachzudenken. Ich nehme es leicht.

    AK Ich kann mich nicht erinnern, dich jemals krank erlebt zu haben. Du hast immer gearbeitet. Wie kannst du das so leichtnehmen?

    GC Na ja, die gute Nachricht ist, dass ich jetzt eine Menge Arbeit erledigen konnte, die nichts mit Malen zu tun hat. Zurzeit arbeite ich an der Ausstellung in Frankfurt. Mein Assistent Ben hat ein großformatiges Modell der Schirn gebaut, das steht in meinem Studio, und damit probieren wir gerade alle möglichen Hängungen aus. Ich habe schon deutliche Vorstellungen davon, wie die Schau aussehen soll, ich verändere die Museumsarchitektur ziemlich stark. Wenn ich dann dort ankomme, werden die Räume schon gebaut sein, mit den richtigen Wandfarben und den Gemälden am richtigen Platz. Das ist eine Arbeit, die mir sonst beim Malen in die Quere gekommen wäre. Es gibt ja immer so viele Dinge zu erledigen, die den Prozess des Malens unterbrechen. Sie machen mir jetzt viel mehr Spaß, weil ich ja eh nicht male.

    AK Du fliegst extra nach Deutschland, zur Eröffnung deiner Ausstellung?

    GC Oh ja. Ich bin zwei Wochen vor der Eröffnung da und schaue, wie die Räume aufgebaut sind. Dann fallen die letzten Entscheidungen zur Hängung.

    AK Warst du schon mal in Frankfurt?

    GC Nur beim Umsteigen am Flughafen. Aber ich kenne Deutschland. Ich habe einige Zeit in Köln verbracht, 1983 in den Tagen des Goldenen Zeitalters der Mülheimer Freiheit mit Hans Peter Adamski, Peter Bömmels, Jiri Georg Dokoupil, Walter Dahn, Gerhard Kever, Gerhard Naschberger. Dazu kamen Kippenberger und seine Jungs. Mit ihnen habe ich abgehangen. Ich habe neun Monate in Köln gelebt.

     

    „WENN DU AN DIE HUNDERTE UND TAUSENDE VON GEMÄLDEN VON MIRÓ, PIC!SSO ODER WARHOL DENKST, EINFACH, WEIL SIE IMMER GEARBEITET HABEN …

    IN DER KURZEN SPANNE DEINES LEBENS, GLEICHGÜLTIG, WIE ALT DU TATSÄCHLICH WIRST, DA WILLST DU DOCH SO VIEL WIE MÖGLICH SCHAFFEN.”

     

    AK Wow. Mit wem genau warst du damals so unterwegs?

    GC Meistens mit Walter Dahn und Dokoupil. Wir gingen regelmäßig ins Hammerstein’s (eine heute nicht mehr existierende Bar an der Einkaufsmeile Ehrenstraße, Anm. d. Red.), und dort traf man dann Albert Oehlen und Kippenberger, Werner Büttner und Andreas Schulze. Ich war viel mit Andreas unterwegs. Die Nächte endeten meist damit, dass man dort noch einen trank, nachdem alle anderen Gäste gegangen waren. Es gab zwei Tische, den von Kippenberger und den von Dahn und Dokoupil, und alle diskutierten. Sie redeten über die Szene, über die Kunst, über neoexpressive Malerei und Anti-Malerei, überhaupt die Möglichkeiten einer zeitgemäßen Malerei. Eine großartige Zeit.

    AK Und wie war Albert Oehlen?

    GC Albert war cool. Ich erinnere mich, dass Kippenberger häufiger Englisch sprach als Oehlen. In seiner Gruppe redete Albert allerdings ziemlich viel. Er machte damals schon tolle Arbeiten wie die Spiegelbilder, mit denen er den Betrachter ins Bild brachte. Und dann waren da noch Werner Büttner und Gerhard Naschberger. Ich habe damals mit Walter Dahn an einer Gruppe von Gemälden gearbeitet. Wir malten in dem Studio, das er im Klapperhof hatte, einem großen Atelier. Für mich war es das erste Mal überhaupt in einem richtigen Atelier. In New York hatte ich immer in Hotelzimmern gemalt. Schließlich endete ich auch in Köln in einem Hotel, wo ich eine Menge Arbeiten fertigstellte. Ich hatte dann meine erste Ausstellung bei Monika Sprüth, die gerade ihre Galerie aufgemacht hatte und zu deren Künstlern Rosemarie Trockel und damals schon Cindy Sherman gehörten.

    AK Du hast im Hotelzimmer gemalt?

    GC Ja. Ich liebe es, in Hotelzimmern zu arbeiten. Es ist eine eigene Welt. Wenn die Tür zu ist, hast du deine Ruhe. Du hängst einfach das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür. Du bist nicht erreichbar. Du kannst die ganze Nacht aufbleiben und tagsüber schlafen. Es interessiert keinen. Und du kannst den Zimmerservice rufen, wenn du hungrig bist.

    Internal Rage of Rodrigo, 2008, Öl auf Leinwand.
    Sammlunf Andrea Caratsch

    AK Ist dein Werk eigentlich auch durch die klassische deutsche Malerei beeinflusst?

    GC Ja, unbedingt, sie war sehr wichtig. Die Arbeiten von Dürer und seine naturalistischen Zeichnungen haben mich immer fasziniert; Martin Schongauer oder die Bäume von Albrecht Altdorfer, seine Herangehensweise an das Geheimnis der Natur. Ich liebe die deutsche Renaissance-Malerei. Aber dann tatsächlich drüben zu leben und mit Dahn zu arbeiten und in diesem permanenten künstlerischen Dialog mit den Jungs und den anderen Künstlern zu sein, mit denen ich im Hammerstein’s redete – das war umso cooler. Sie schätzten meine antimalerische Haltung wirklich. Die Idee war ja, sich vom klassischen Begriff der Malerei zu verabschieden.

    AK Mir scheint, wenn ich dich malen sehe, dass du es genießt. Vielleicht irre ich mich auch, aber es wirkt so, als ob es dich amüsiert, diese Figuren zu beobachten, die du dir ausdenkst.

    GC Es schaut so aus. Aber es ist nicht so. Darin besteht die Ironie. Was Spaß macht, sind die Reaktionen der Leute auf die Arbeiten. Darin liegt in meinem Fall der Genuss. Ich liebe es, die Leute zu schockieren. Ich hasse Langeweile. Und wenn man sich dann mit mythologischen Themen beschäftigt, hat man es noch mal mit einer ganz anderen Art imaginärer Wesen zu tun. Wie malt man Aphrodite? Wie schaut Hermes oder Mars oder ein anderer griechischer Gott aus, Dionysos oder Apoll? Wenn du einen Säufer auf der Straße siehst, mit einer Kapuze über Kopf, wie er so dasteht und aus der Weinflasche trinkt, da erkennst du plötzlich den Bacchus unserer Tage. Du kannst Dionysos sehen, wenn er die Bowery runtergeht. Dafür musst du nicht ins antike Griechenland zurückgehen. Ich hoffe, ihn in Frankfurt zu treffen. Ich muss mit ihm einen heben.

    AK Wie wählst du eigentlich die Gemälde für eine Ausstellung aus? Jetzt für Frankfurt?

    GC Der führende Kopf ist Ralph Rugoff von der Hayward Gallery in London. Er hat die Ausstellung kuratiert. Gemeinsam haben wir ein Konzept entwickelt, dass es eine Wand mit Porträts geben wird, wo Bilder von 1982 solchen von 2010 gegenübergestellt werden. Um die ganzen möglichen Herangehensweisen an ein Porträt zu verdeutlichen und die Vorstellungen zu relativieren, was abstrakt, was real oder gegenständlich-figurativ ist; um zu zeigen, dass ein Porträt abstrakter sein kann als eine tatsächliche Abstraktion. Wir werden die Ausstellung nicht chronologisch, sondern thematisch hängen.

    AK Gibt es Gemälde, auf die du über die Jahre immer stolzer wurdest? Die du am meisten liebst?

    GC  Schwierig zu sagen. Ich fand es allerdings aufregend, die großen Leinwände wiederzusehen, die ich in den frühen 80er-Jahren gemacht habe, so um 1984, 1985 herum. Sie sind eine Art All-over-Komposition und erinnern an Bilder des Abstrakten Expressionismus. Aber mit Figuren statt Pinselstrichen. So als pickte man Gesichter aus einem Jackson Pollock heraus – doch statt sie dann nur anzuschauen, malte man sie und ließe den Rest weg. Es ging darum, alles zu malen, was du siehst, wenn du auf ein All-over-Bild schaust, und All-over-Bilder aus gegenständlichen und figürlichen Fragmenten zu machen. Diese Bilder haben mich in den letzten Jahren sehr fasziniert. Ich habe dann mit den Drawing Paintings begonnen, die eine Erweiterung dieser Idee darstellen. Dass ich auf meine älteren Arbeiten zurückgeschaut habe, hat zu einem ganz neuen Werkkomplex geführt.

    AK Ich bin neugierig – welche der Figuren, die du geschaffen hast, ist „dein Mann“?

    GC Kann ich nicht sagen. Es ist schwierig. Rodrigo vielleicht? Weil er auf der Leinwand ein Leben führt, das ich in der Realität nie leben könnte. Und ich mag die Charaktere, die in diesem imaginären literarischen Bereich leben. Sie sind wie die Verlierer in einem Balzac-Roman.

    AK Und wie geht das dann vor sich? Erfindest du die Figur erst in deinem Kopf und gibst ihr dann einen Namen? Oder weißt du schon alles vorher?

    GC Ich weiß nicht… Irgendwie entsteht ein Charakter, der so echt und individuell wirkt, dass ich ihm dann gleich eine ganze Familie mitgebe: Jean Louis’ Mutter, Jean Louis’ Geliebte, Jean Louis’ Freundin, Jean Louis’ Frau, Jean Louis’ Kinder, Jean Louis’ Bruder. Rodrigo schaute sofort wie ein echter Halunke aus. Ich habe ihn mal als einen dieser Burschen beschrieben, die deinen Wagen parken, wenn du in ein Restaurant oder einen Club gehst, diese Valet-Parking-Jungs. Und dann kommst du irgendwann zurück zu deinem Auto und denkst: Waren da nicht ein paar CDs im Handschuhfach? Wo sind die hin? Hat Rodrigo sie geklaut? Du weißt nie, wo zur Hölle er ist. Und er führt immer was im Schilde. Ich kannte seine innere Wut und konnte sie malen.

    Couple on Blue Striped Chair, 2005, Öl auf Leinwand.
    Privatsammlung, mit freundlicher Genehmigung der Simon Lee Gallery

    AK Ich habe ja eine besondere Vorliebe für Rodrigo. Und ich erinnere mich daran, als dein The Fallen Butler im MoMA gehängt wurde. Apropos, ich habe gehört, dass du im MoMA mal als Aushilfskellner gearbeitet hast. Das muss gewesen sein, kurz nachdem du nach New York gezogen bist, bei einer Party, die das Museum gab.

    GC Das war lustig. Das war einer dieser idiotischen Jobs, die ich machte, als ich zum ersten Mal nach New York kam. Das war 1980 oder 1981 zur großen Picasso-Retrospektive im MoMA. Irgendjemand sagte: „Die heuern dafür eine ganze Küchenmannschaft an.“ Also ging ich hin und bekam einen Job. Das heißt, ich bekam keinen Job, sondern ein Jobtraining. Als Aushilfskraft. Ich hatte keine ausreichende Qualifikation, um als Kellner eingestellt zu werden. Am ersten Arbeitstag wurde ich gefeuert.

    AK Ich kenne keinen anderen Maler, bei dem auch nach mehr als 30 Jahren Schaffen die Frage nach den besten Arbeiten noch so offen ist wie bei dir. Gibt es nicht doch eine Periode oder einen Stil, den du im Rückblick als deinen Greatest Hit bezeichnen würdest?

    GC Ich habe keine Favoriten. Die Leute fragen immer: „Was ist deine Lieblingsmusik? Dein Lieblingsgemälde? Dein Lieblingskünstler? Dein Lieblingsessen? Dein Lieblingsdies, dein Lieblingsdas.“ Keine Ahnung.

    AK Schon wahr, aber…

    GC Wenn man an die Hunderte, Tausende Gemälde von Miró, Picasso oder Warhol denkt, denn die haben ja immer gearbeitet… Oder an all die Charaktere, die Shakespeare geschaffen hat… An all die Musik, die Bach geschrieben hat… In der kurzen Spanne deines Lebens, gleichgültig, wie alt du dann tatsächlich wirst, da willst du doch so viel wie möglich schaffen.

    AK Aber noch mal…

    GC Es ist unmöglich zu sagen. Was bringt es, wenn man nach dem Lieblings-Warhol oder dem Lieblingsgemälde von Cézanne fragt? Was ist dein Lieblings-Rembrandt? Dein Lieblings-Caravaggio? Dein Lieblingsmoment?

    AK Du hast recht. Aber bei vielen Malern kann man eben sehr konkret eine Periode benennen, die einem am besten gefällt.

    GC Und was ist mit Duchamp? Denkst du an den Akt, eine Treppe herabsteigend? An Das große Glas? Oder an Fountain, also das Urinal? Bei guten Künstlern ist es immer schwierig, zu sagen, was ihre beste Zeit war, was ihre besten Arbeiten waren.

    AK Sehr cool! Danke, George. Danke für deine Zeit, Mann.

    GC Das war’s dann, nicht wahr?

    AK Absolut.

     

    Interview ADAM KIMMEL

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