HAPPY BIRTHDAY ELTON JOHN | INTERVIEW MAGAZIN

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    Coverstar ELTON JOHN im April 1995 im Gespräch mit Ingird Sischy. Ein Textauszug.

    INGRID SISCHY Ihr neues Album „Made in England“ zu hören, gab mir so viel Energie gegeben. Es ist so dringlich, so als würde die Dringlichkeit direkt aus Ihrem Inneren ins Innere der Hörer zielen.

    ELTON JOHN Die Dringlichkeit spüre ich auch. Ich bin an dem Punkt meiner Karriere angelangt, an dem ich es mir eigentlich bequem machen könnte, aber man kann so bequem werden, dass man stumpf davon wird. Ich weiß ja, dass ich talentiert genug bin, bis an mein Lebensende Hits zu schreiben. Aber ich will einen Hit, in dem alles von mir steckt, der ganz und gar ich ist. Bei manchen Platten war ich nämlich nicht zu 100 Prozent dabei, was zum Teil auch an der Technologie liegt, mit der man Platten aufnimmt. Man wird bequem, wenn man großartige Produzenten um sich hat, wenn man das Schlagzeug auf dem Computer programmiert und die Technik die Sache übernehmen lässt. Ich werde mich zwar nicht ganz davon verabschieden, weil man die Sachen heute nunmal so macht. Aber während das gemacht wurde, habe ich oft abgeschaltet. Ich habe dann auf der Couch gesessen, bin shoppen gegangen, habe Tischtennis gespielt, weil es ja fünf, sechs Stunden dauert, einen Song so aufzunehmen. Auf dieser Platte gibt es nur meine Band. Meiner Erinnerung nach hat es seit 1976 keine Platte mehr von mir gegeben, bei der ich ganz und gar dabei war. Ich habe einen Pakt mit mir geschlossen, zurück auf null zu gehen. Ich beschloss, mich zu 150 Prozent einzubringen. Wenn es um die Produktion ging, habe ich mich früher nie eingebracht, aber bei diesem Album war ich bei jedem einzelnen Ton dabei. Ich habe dagesessen, bis ich den Sound hatte, den ich wollte. Bei anderen Alben habe ich gesagt: „Okay, das reicht. Klingt gut!“ Ich war strenger zu mir. Ich hatte zwanzig Songs geschrieben, von denen am Ende elf überlebten. Manchmal war es richtig anstrengend. Nichts schien Form anzunehmen, bis ich die Musik für „Believe“ schrieb, das erste Lied auf dem Album und die erste Single. Sie war die Messlatte für das Album. Das war die Richtung, in die ich das Album lenken wollte. Und du hast recht, was die Dringlichkeit angeht. Für mich klingt das Album, als wäre es in der goldenen Zeit in den Siebzigern aufgenommen worden, als ich noch all die Energie hatte. Ich bin seit viereinhalb Jahren trocken und nüchtern, die Energie kommt langsam wieder zurück. Ich kann das Album also veröffentlichen und ehrlich sagen: „Mehr habe ich nicht machen können. Mehr Mühe konnte ich nicht aufbringen.“

    IS Was für ein schönes Gefühl.

    EJ Ja, in der Tat. Und dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr, Ingrid.

    IS Und das Gefühl kommt in einem Moment, in dem die Wahrnehmung von dem, was es braucht, großartige Popmusik zu machen, sich verändert. Die Annahme, dass man in seinen Zwanzigern sein muss, verschwindet. Man sieht, dass Leute in den Zwanzigern, Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern und noch älter in der Lage dazu sind, Hits zu schreiben. Zum Image gehörte auch, dass ein authentischer Popmusiker sich unweigerlich der Selbstzerstörung hingeben muss. Von Jimi Hendrix und Janis Joplin bis hin zu Kurt Cobain, dessen Tod zu einer Zeit kam, als die Überlebensfähigkeit von Ikonen als Frage zumindest eine Zeitlang in der Luft hing. Es ist ein altes Problem: Kann man unglaublich kreativ sein und dennoch ein lebenswertes Leben leben? Mir kommt es vor, als hättest du dich in den letzten paar Jahren mit dieser Frage beschäftigt.

    Artwork TABBOO! Im Uhrzeigersinn von links unten: Elton John fotografiert von Norman Parkinson in 1977; in 1972: während des Drehs zu Tommy (1975): live. 1974: live. 1975: Auftritt in Australien. 1988: nach dem Auftritt in Leningrad. 1979: limitierte Oliver Peoples Sportbrillen, die die Elton John AIDS Foundation unterstützen: mit Kiki Dee im Roxy Theater. LA.. 1977.

    EJ Ich glaube, die meisten Schauspieler, die meisten Sänger, die meisten Kreativen sind selbstzerstörerische Leute. Ich weiß nicht, ob sie ihre Arbeit als ein Mittel nutzen, um vor dem zu fliehen, was sie sind. Aber ich weiß, dass die Arbeit zumindest für mich ein Fluchtweg war. Ich war ein übergewichtiges, schüchternes Kind mit wenig Selbstbewusstsein, dass immer ängstlich war, immer am Rand stand. Also habe ich mir meine eigene Welt erschaffen, bin darin abgetaucht und blendete alles andere aus. Ich denke, das ist es, was die meisten kreativen Leute tun. Sie blenden das wirkliche Leben aus. Als Kurt Cobain sich umbrachte, sagten die Leute zum, Beispiel: „Kurt konnte dem Druck Musikgeschäfts nicht standhalten“, und so. Ich glaube nicht, dass es irgendwas mit dem Musikgeschäft zu tun hatte. Ich glaube, dass er verdammt unglücklich war, und dieses Gefühl trug er schon lange Zeit in sich. Es hatte damit zu tun, wie Kurt sich als Kind fühlte oder wie er aufgewachsen ist. Und als Musiker führt dich der Eskapismus einfach immer weiter und weiter von den Dingen fort, mit denen du dich eigentlich auseinandersetzen solltest. Das kann ein sehr, sehr langer Weg sein. Und wie ich erfahren musste, ist auch der Weg zurück sehr lang. Im zarten Alter von 48, am 25. März wird es so weit sein, habe ich endlich verstanden, dass es für mich noch eine Menge zu tun gibt. Es gibt noch so viel mehr Musik zu schreiben, so viele Dinge für andere Leute zu tun, so viele Dinge, die ich für mich selbst tun muss. Ich fühle mich, zum ersten Mal in meinem Leben, erwachsen. Ich habe immer noch etwas von dem Schalk in mir, den ich als Kind hatte, und ich hoffe, dass er auch immer bleibt, aber es gibt einen Unterschied zwischen Unreife und Schalkhaftigkeit. Ich meine zum ersten Mal zu verstehen, was es mit dem Erwachsensein eigentlich auf sich hat.

    IS Auf dem neuen Album höre ich einen extrem ernsten Elton John, einen einsamen Elton John, einen Elton John, der wirklich Schmerz versteht und auch versteht, wie man sich vom Schmerz befreit. Es handelt von der Frage von Nähe in Beziehungen und der Schönheit, gemeinsam alt zu werden. Über ein paar Dinge würde ich gern ausführlicher sprechen. Lass uns mit Beziehungen anfangen, zunächst mit einer Arbeitsbeziehung. Dein langjähriger Partner Bernie Taupin hat die Texte geschrieben. Ihr habt zusammen angefangen, nicht wahr?

    EJ Ja. Neulich hat mich jemand gefragt: „Worauf bist du am meisten stolz in deiner Karriere?“ Und ich habe geantwortet: „Auf die Tatsache, dass Bernie und ich uns mehr lieben als je zuvor, und den Umstand, dass wir nach 28 Jahren immer noch wundervolle Songs zusammen schreiben.“ In den ersten paar Jahren haben in der Wohnung meiner Eltern gelebt, in Etagenbetten, und wir haben diese Verbundenheit entwickelt, die uns immer bleiben wird. Er war der Bruder, den ich nie hatte. Er war der erste Mann, in den ich mich je verliebt habe. Aber das war nie sexuell. Er war der Mensch, der Freund, nach dem ich mich mein Leben lang gesehnt hatte. Höre dir „Captain Fantastic“ (1975) an, das ist unsere Geschichte und aus meiner Perspektive ein sehr bewegendes Album, weil es davon handelt, wie man sich manchmal verliebt und es einfach wunderschön ist. Wenn ich es höre, muss ich weinen. Nachdem wir das Album veröffentlicht hatten, gingen wir für eine Weile getrennte Wege. Bernie hat geheiratet und ich war mit jemandem in einer Beziehung. Wir verbrachten nur noch wenig Zeit miteinander und hockten uns nicht mehr auf der Pelle. Wir haben beide schwierige Phasen durchgemacht und das neue Album aufzunehmen war seit den frühen Jahren eine der wenigen Phasen, in der unsere Leben wieder miteinander im Einklang waren. Er ist extrem glücklich und ich bin extrem glücklich. Wenn du dir „Blessed“ anhörst, den letzten Song auf dem Album, dann sagt er tatsächlich „I want to have a kid, and I‘m ready for it“. Als ich den Text bekam, habe ich mich so für ihn gefreut.

    IS Hat sich der Prozess, Songs zu schreiben, über die Jahre verändert?

    EJ Nein. Er schreibt auf kleinen Zetteln. Früher waren sie handgeschrieben, dann mit der Schreibmaschine und inzwischen kommen die Texte per Fax – was sich verändert hat, ist also die Technik. Er schreibt, was ihm gefällt, und ich schreibe Melodien, die mir gefallen und am Ende wird daraus ein Song. An diesem Aspekt unserer Beziehung haben wir nie etwas geändert. Ich lege heute viel mehr Aufmerksamkeit darauf, mehr ihm als mir zu gefallen. In den Achtzigern, als ich diese Sache mit den Kostümen bis zum Erbrechen durchexerziert habe, hat das Bernie nicht so gut gefallen, glaube ich. Die Sache hatte ihre Unschuld, ihren Spaß und ihre Spontaneität verloren, um es vorsichtig zu formulieren. Ich sang seine Texte und sah dabei aus wie etwas aus dem Taj Mahal in Atlantic City. Aber er hat nie meine Gefühle verletzt und es mir gesagt.

     

     

     

    Fotos RICHARD J. BURBRIDGE
    Interview INGRID SISCHY

     

     

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