NAOMI STATE OF MIND | INTERVIEW MAGAZIN

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    Freunde seit über 30 Jahren: Naomi Campbell und Julian Schnabel.

     

    NAOMI CAMPBELL Du bist berühmt für deine Schlafanzüge. Ich weiß, dass du dich darin wohlfühlst. Aber sind sie auch integraler Bestandteil deiner Arbeit und deines Lebens? Mir hat jedenfalls gefallen, dass du einen Schlafanzug getragen hast, als du in Cannes einen Preis für Schmetterling und Taucherglocke erhalten hast.

    JULIAN SCHNABEL Ich habe ihn zum Screening getragen. Den Preis habe ich im Smoking entgegengenommen. Das Gute am Schlafanzug ist, dass die Leute es als etwas Besonderes empfinden, wenn man sich dann mal anzieht.

    NC Wie viele Pyjamas besitzt du?

    JS Genug, um jeden Tag einen frischen anzuziehen.

    NC Hast du jemals in High Heels gearbeitet?

    JS Nein, aber du mit Sicherheit. Ich benutze eine Leiter beim Malen.

    NC Glaubst du, deine Bilder werden heute aus Leidenschaft gekauft oder als Investment?

    JS Es gibt solche und solche Sammler.

    NC Klar. Aber du hast ein feines Gespür für Menschen.

    JS Jeder Mensch hat ein anderes Verhältnis zur Kunst. Sogar die Künstler selbst. Mich interessiert das nicht besonders. Für viele ist Kunst heute ein Geschäft, und ich lebe davon, Bilder zu verkaufen. Aber das ist nicht der Grund, warum ich male.

    NC Ich fahre demnächst nach Holland, um mir Azzedine Alaïas Ausstellung im Museum in Groningen anzuschauen. Werden da Werke von dir zu sehen sein?

    JS Weiß ich gar nicht. Manchmal zeigt er unsere gemeinsamen Arbeiten. Wir sind seit fast 30 Jahren eng befreundet.

    NC Nach Schmetterling und Taucherglocke sehen dich viele vor allem als Regisseur. Sind Filme für dich ein vielschichtigeres Medium als die Malerei?

    JS Es ist auf jeden Fall einfacher, darüber zu reden, weil es mit Geschichten zu tun hat. Selbst die Produktion eines Films gleicht einer Geschichte. Manche Leute sagen, Film sei eine Kombination aus Musik, Fotografie und Kunst, aber das ist nicht wahr. Film ist Film. Malerei dagegen ist stumm und mächtig und versucht gar nicht erst, das gleiche Publikum anzusprechen oder die gleiche Bedeutung zu haben. Während man beim Film mit vielen Leuten zusammenarbeitet, ist Malen eine einsame Arbeit. Aber es gibt Dinge, die man nur in diesem Medium ausdrücken kann. Vor einiger Zeit sprach ich mit Bob Hoskins über die eine Rolle, die einen Schauspieler zum Star macht. Als Maler gibt es den einen Pinselstrich, mit dem sich alles verändert, der dich einem göttlichen Licht näher bringt. Was dann entsteht, geht über Kunst hinaus und berührt die Menschen. Danach jagen wir alle, und deswegen bin ich ein Maler.

    NC Erstens und vor allem.

    JS Na ja, ich vermute, ich bin auch ein Regisseur. Was soll ich dazu sagen?

    NC Als was möchtest du in Erinnerung bleiben?

    JS Damit habe ich es nicht eilig. Ich lebe hier und jetzt.

    NC Oh Gott. So habe ich das nicht gemeint. Wofür möchtest du bekannt sein?

    JS Seit ich ein kleiner Junge war, habe ich gemalt. Mein Standpunkt als Regisseur wurzelt in meiner Malerei.

     

    Julian Schnabel: “Ich bin 60 und mache weiter, surfing ist meine Anti-Schwerkraft-Maschine”. Foto: Jum Russi.

     

    NC Ich kenne dich als fanatischen Surfer…

    JS Nächste Woche geht’s nach Hawaii!

    NC Da gibt es riesige Wellen. Pass auf dich auf!

    JS Ich habe beim Surfen schon einiges abbekommen. Das Meer ist so viel mächtiger als wir. Das ist ja der Reiz.

    NC In welchem Alter sollte ein Mann damit aufhören?

    JS Ich bin 60 und mache weiter. Surfing ist meine Anti-Schwerkraft- Maschine.

    NC Hast du keine Angst?

    JS Jeder Surfer hat Angst. Aber meine Kunst hat viel mit dem Gefühl zu tun, im Wasser zu sein.

    NC Du hast mal gesagt: Wenn ich Regen brauche, regnet es. Stimmt das?

    JS Ich habe jedenfalls eine besondere Verbindung zum Wetter. Als wir Before Night Falls gedreht haben, gab es Regen, wenn wir ihn brauchten, und er hörte wieder auf, wenn wir das wollten. Andere Regisseure haben ganz andere Erfahrungen gemacht. Frag mal Terry Gilliam.

    NC Es geht in deinen Filmen immer um verwundete und ausgegrenzte Menschen. Fühlst du selbst dich privilegiert?

    JS Natürlich. Ich will gar nicht verstehen, warum ich bestimmte Filme drehe. Ich weiß auch nicht, was mich qualifiziert, die Geschichten des kubanischen Dichters Reinaldo Arenas oder von Jean-Dominique Bauby zu erzählen, der nach einem Hirnschlag komplett gelähmt war. Ich wusste einfach nur, dass ich sie erzählen wollte.

    NC Ich kannte diese Menschen nicht, bevor ich deine Filme gesehen habe. Insofern habe ich immer was gelernt von dir. Wir sind so daran gewöhnt, von einem Flugzeug ins nächste zu springen, dass wir vergessen haben, wie es war, in einem kommunistischen Land zu leben und nicht reisen zu dürfen.

    JS Privilegien verpflichten. Ich wollte in meinen Filmen für Leute sprechen, die es selbst nicht können.

    NC …und niemand hätte gedacht, dass man nur mit dem Lidschlag des Auges ein Buch schreiben kann, wie der Held in deinem Film. Es zeigt, dass man alles kann, wenn man wirklich will. Wenn du zurückschaust: Womit hast du die Welt schöner, besser, lustiger gemacht?

    JS Habe ich das?

    NC Ich finde ja.

    JS Na ja, mein Haus ist vielleicht ganz komisch. Und in Basquiat sind ein paar lustige Szenen.

    NC Und Johnny Depp in Before Night Falls! Als der Film gerade richtig düster und schwer wird und der Protagonist ins Gefängnis kommt, taucht er auf und lässt den Dichter Liebesbriefe schreiben. Toll. Was ist dein nächstes Projekt?

    JS Ein Film übers Atmen. Ich lese gerade das Buch In the Hand of Dante. Der Autor schreibt über Lektoren wie Bennett Cerf, der die Texte seiner Autoren nicht redigiert hat. Er hat zum Beispiel William Faulkner einfach so schreiben lassen, wie dieser wollte. Er wollte ihm keinen anderen Stil aufzwingen, sondern einen gemeinsamen Atem finden. Das ist eine Frage von Freundschaft und Vertrauen. Das muss dir doch auch manchmal so gegangen sein, wenn du mit Fotografen gearbeitet hast, die wirklich verstanden haben, wer du bist.

    NC Ja, manchmal entsteht eine Verbindung, die über das Bild hinausgeht. Und es ist interessant: Man schaut in die Kamera, ins Auge des anderen Menschen, ohne ihn zu sehen. Was ist das Schöne am Älterwerden?

    JS Man ist vielleicht ein klein wenig schlauer. Obwohl ich immer wieder das Gefühl habe, von vorne anzufangen.

    NC Man hört eben nie auf zu lernen.

    JS Und ich bin stolz auf meine Kinder. Talent ist ihnen wichtiger als Geld. Sie sind kreativ. Und keines von ihnen ist im Gefängnis.

     

     

    Interview NAOMI CAMPBELL

     

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