THE CRYSTAL BALL OF POP #2 – OCTAVIAN, HAIYTI & LUCKY DAYE AND MORE

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    OCTAVIAN feat. THEOPHILUS LONDON – Feel It

     

    “Entweder du kommst ins Gefängnis oder du kommst groß raus”, sagte Octavians Mutter zu ihm, bevor sie ihn in London vor die Tür setzte. 14 Jahre alt war er da. Wohnungslos, rastlos, ganz unten. Er schlief in einer Dealer-Wohnung, ging tagsüber auf die renommierte BRIT-School, auf der auch schon Amy Winehouse und King Krule ihre einzigartigen Stile entwickelten. Auch die Musik von Octavian ist einzigartig, zehrt von Garage, House, Trap-Sounds und vor allem von seiner Delivery.

    Mittlerweile hat sich der Satz seiner Mutter bewahrheitet – Octavian ist groß rausgekommen. Das Gefängnis ist weit weg, die Drogendealer-Zeit vorbei. Ein Drake Co-Sign und ein Laufstegauftritt für Louis Vuitton in Paris machten ihn in den letzten zwei Jahren zum Star. Und natürlich auch sein neues Mixtape “Endorphins”. Die Single “Feel It” ist nun die perfekte Mischung aus Lovesong, Dancefloor-Smasher und Fashion-Statement.

     

    KAMAIYAH feat. QUAVO & TYGA – Windows 

     

     

    Kamaiyah schafft es wie kaum eine andere Künstlerin den alten West-Coast-Rap-Vibe ins Jetzt zu übertragen. 2017 wurde sie auch aus diesem Grund XXL-Freshman. Die jedes Jahr vom XXL Magazine kuratierte Klasse der besten Upcommin rap-artists ist einer der wichtigsten Indikatoren für eine lange Karriere. Fast alle Rapstars der letzten Jahre, von Kendrick Lamar über Future bis 21 Savage waren Freshman. Zusammen mit Quavo und Tyga untermauert Kamaiyah im irren “Windows”-Video ihren Status als eine der wichtigsten weiblichen Stimmen in der Rapszene.

     

    HAIYTI – Coco Chanel

     

    Kunsthochschule oder Gangster-Pop? Haiyti vereint beides. In Hamburg studierte sie Kunst bei Anselm Reyle, beschäftigte sich währenddessen aber vor allem viel mit  mit deutschen Untergrundrappern – und machte selbst in diesem Umfeld Musik. In ihren Songs geht es um Glamour und Mode, um Deals und Hehlerware. Und um das Spiel mit der eigenen Stimme. Haiyti jauchzt, röhrt, schreit, säuselt. Alles ist möglich. Das macht sie so interessant.

    Im Video zu “Coco Chanel” finden Kunstuni und Gangster-Pop, wie Haiyti ihre Musik selbst bezeichnet,  wieder zusammen. Mit Steffen Goldkamp und Paul Spengemann die sie noch aus Kunsthochschulzeiten kennt, ist sie nach Ibiza geflogen. Das “Coco Chanel”-Video drehten sie in der als “Strache-Villa” bekannt gewordenen Miet-Finka. Dort entstand auch das Video, in dem der österreichische Ex-Vizekanstler mit einer vermeintlichen russischen Olligarchen-Tochter über zwielichtige Geschäfte sprach. Das Video kostete ihm und einem Großteil der Regierung die Jobs. Haiytis Video dagegen ist nicht kontrovers, aber dafür hochästhetisch. Es passt zum hin und her zwischen Glamour und Gosse auf ihrem neuen Album “Perroquet”.

     

    L DEVINE – Naked Alone

     

    Von Nordengland, wo immer wenig los ist über Open Mic-Nights in London, wo ein bisschen was los war, hin zu Soundcloud wo in den letzten Jahren die wichtigste Musik los war. L Devine hat diese Stationen durchlaufen müssen, um herauszufinden, was für ein Sound ihr steht. Die Indie-Band-Karriere ist abgehakt. Das hört man auf dem neuen Song “Naked Alone”, einer funky Ballade, übers Alleinsein, aber nicht allein sein wollen. L Devine schafft es dieses Thema in einem im besten Sinne cheesy Pop-Song zu verarbeiten. Entstanden ist der Song aus dem Affekt, innerhalb von 20 Minuten zusammen mit dem Produzenten schwedischen Produzenten-Duo Indiia. Es ist erstaunlich, wie wenig dieser Schnellschuss nach Schnellschuss klingt.

     

    LUCKY DAYE – Real Games

     

    Zum Glück stehen Lucky Daye und seine (teilweise vermummte) Band auf dem Tennisplatz und keine langweiligen Tennisspieler in Dad-Shoes und Fred Perry-Shirts. Lange war Daye aus Louisiana, USA nur einer der Mitspieler im Hintergrund. Er schrieb an Songs mit, scheiterte als Teenager bei American Idol. Erst jetzt, mit 33 hat er sein Debütalbum veröffentlicht. “Real Games” ist einer der besten Songs des Albums. Daye ist nicht primär Rapper, aber kann Rappern. Gleichzeitig ist er ein Crooner mit Hang zum Falsett. Seine Neuerfindung als Solokünstler katalysiert er in modernen Soul-, RnB- und Funk-Songs, über, na klar, die Liebe. Sein Sound ist weniger verschwurbelt als der von Frank Ocean, organischer als The Weekends mysteriöser Neo-RnB. Daye bietet also das Gegengewicht zum düsteren Flirren der Kollegen, setzt mehr auf Instrumente als auf Synths. Das hat bisher gefehlt.

     

    FRANKIE COSMOS – Windows

     

    Greta Kline ist der Kopf hinter Frankie Cosmos. Einer Band, die in den letzten Jahren in wechselnder Besetzung ziemlich zarten, ziemlich verspielten Bedroom-Pop in New York produziert hat. Der klingt ein bisschen nach einer Melange aus dem Anti-Folk der 00er-Jahre von The Moldy Peaches und CO. und dem neuen Soundcloud-Pop von Rex Orange County. Heißt: Fankie Cosmos transformieren irgendwie punkigen Indie ins digitale Zeitalter, nutzt dessen Releasestrategien, ist hochproduktiv. In den letzten Monaten erschienen ein Album und eine EP, insgesamt schon weit über 50 Releases. Im Video zu “Windows” beweist Kline, dass folgende Dinge cool sein können: Fahrradhelme, Knieschoner, Scooter, Clown-MakeUp. Eigentlich geht es aber um die eigene Unsicherheit vor der Zukunft. Sicher ist nur: Mehr davon gibt’s im September auf ihrem neuen Album “Close It Quietly”.

     

    Words JOHANN VOIGT



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